CHRISTIAN BEDORs Müll-Zeit-Lose & Personalberatung Team Verreckt
Entertainment-Tombola & Arbeitskabarett

Autorenlesung im Netz:   


Lesung aus
Diastimmen





Sie haben mit dem Dorf zu tun, ja, und mit meinem emotionalen Werden hier in dem Dorf. Der Projektor zeigt plötzlich ein einziges Dia: Das Spiel vom Abdrängen mit Fahrrädern vor der Dorfhalle, wo diese gemauerten Säulen sind. Da fuhren wir Slalom und benutzten diese Pfeiler als Abdrängmitspieler oder wie man das auch immer nennen möchte. Wobei es eine Grundregel gab: Wer mit dem Fuß den Boden berührte, schied vorzeitig aus. Wer sich allerdings ne Weile mit der Schulter anlehnte oder sich mit der Hand abstützte, an dieser Säule, ohne mit dem Fuß den Boden zu berühren, konnte nicht belangt werden. An einem Tag bin ich frontal und sehr mutig auf jemanden zugefahren. Niemand wollte dem anderen ausweichen. Die Vorderreifen sind sehr knapp aneinander vorbeigeglitten. An der Vorderachse meines Rades befanden sich Flügelmuttern. Solche Flügelmuttern, die noch keine Plastikschutzkappe trugen, wie ihre spätere Generation. Diese Flügelmuttern hatten spitze Enden, standen waagerecht und so hat sich eine beim Fahrrad meines Spielkameraden in den Mantel gebohrt. Es zischte. Wir hatten viel Schwung drauf und so waren der Mantel und der Schlauch kaputt. Ein anderes Dia: Ich war allein unterwegs, war ziemlich gedüst. Vor dieser Dorfhalle fuhr ich allein Slalom um die Säulen. Irgendwann wollte ich sehr knapp an einer solchen Säule vorbei. Schlängelte mich in einem ordentlichen Tempo heran; schaffte das Manöver aber nicht mehr und das Vorderrad knallte mit Karacho an die Säule. Das Hinterrad stieg in die Höhe, mein Kopf schnellte in den Nacken und mein Brustkorb flog vor die Säule. Reflexartig hielt ich mich an der Säule fest, rutschte aber alsbald zu Boden. Ein anderes Dia ist eine Filmvorführung in der Dorfhalle. Die sehr gut besucht war. Denn hier im Ort gab es kein Kino. Doktor Schiwago mit Omar Sharif in der Hauptrolle. Erwachsene hatten einen Filmprojektor aufgebaut (kann das der dunkelgrüne 16 mm Siemens-Projektor aus der Schule gewesen sein?). Auf Eintrittsbasis gab es für Jugendliche und Erwachsene die Möglichkeit, Dr. Schiwago zu sehen. Die Halle war überfüllt. Die Masse der Menschen machte mir Angst. Und die Lautstärke. Es kam mir alles sehr fremd vor. Außerdem waren sehr viel ältere Kinder darin. Wahrscheinlich auch aus anderen Dörfern. So eine Filmvorführung spricht sich in der Region schnell rum. Ich wollte auch in die Halle, schämte mich aber, auch deshalb, weil ich keine Erlaubnis der Eltern hatte. Und die zwei Fünf-Pfennig-Stücke in meiner Tasche reichten nicht. Heute weiß ich, dass ich vornehmlich Angst vor dem Unbekannten hatte. Und Angst vor so vielen fremden Leuten in einer dunklen Halle. Außerdem hatte ich noch nie einer öffentlichen Filmvorführung beigewohnt. Ein Freund meines Bruders erkannte mich. Der sprach mit dem Kassierer und ich durfte mit ihm so rein. Das fand ich aber nicht korrekt, dass ich nichts bezahlen musste. Ich hab dann ganz hinten gesessen. Ich glaube auf einem Schanktisch, der sonst (zu Schützenfestzeiten) vorne steht. Ich kann mich noch erinnern: Die Platte des Schanktischs war mit Zinkblechbeschlagen - oder einem ähnlichen Material. Jedenfalls dort, wo ich saß, konnte ich die Leinwand nicht sehen, weil viel zu viele Leute in der Halle waren und eine Menge Köpfe davor. Es muss eine Nachmittagsvorstellung gewesen sein. Abends hatte ich keinen Ausgang. Von der Handlung habe ich nichts verstanden. Ich dachte immer wieder: Dr. Schiwago - was für ein seltsamer Name! Ich weiß gar nicht, was da passiert ist. Der Film war überhaupt kein Genuss, weil ich nur den Ton hörte. Hinterm Schanktisch wurde es unruhiger. Einige Jungs, die bislang in der Nähe standen, hatten die Holztreppe nach oben, zum »Voführraum« entdeckt und hatten sich an den Zuschauern, die auf den Stufen standen, um eine bessere Sicht zu haben, vorbei gequetscht.

Copyright Christian Bedor Auszug: publizierter Roman DIASTIMMEN 








Lesung aus
Kreatives Marketing für Künstler





1. August | In der Ruhe liegt die Kraft. Dieser Satz hat auch in unserer modernen, oft sehr hektischen Zeit, weiterhin Bedeutung. Künstlerinnen und Künstler können nicht ununterbrochen, 24 Stunden am Tag, in Bewegung sein. Obwohl manche das scheinbar glaubhaft in den Medien darstellen. Inmitten unseres Arbeitsumfeldes können wir uns – frei im Raum und ungestört von äußeren Einflüssen – gerade auf einen Stuhl setzen, die Füße flach auf dem Boden, die Beine im rechten Winkel dazu. Wie legen die rechte Handfläche aufs rechte, geschlossene Auge, die linke aufs linke geschlossene Auge und atmen im eigenen Rhythmus gleichmäßig durch Mund und Nase ein und aus. Sollten Bilder in aus aufsteigen, lassen wir sie kommen und gehen. Das gilt ,gute` Bilder und für ,schlechte” Bilder gleichermaßen. Wir halten nichts fest, sondern lassen los. Sobald uns Seele, Geist und Körper signalisieren, dass unsere Übung ausreichend ist, lassen wir die Hände auf die Oberschenkel sinken, öffnen langsam die Augen, lehnen uns an und kommen nach und nach in den Raum zurück. Nach einer Zeit, die wir selbst festlegen, stehen wir auf, strecken unsere Glieder, gähnen gar, gehen im Raum umher und setzen uns ca. 10 Minuten später wieder an unseren Arbeitsplatz. Gedanke für Heute: Ich möchte für mich herausfinden, wann ich pro Tag meine Stille Zeit habe und wie ich sie gestalte. Wichtig ist, dass ich auch hierfür meinen Rhythmus finde und mich immer wieder daran erinnere.

Copyright Christian Bedor Auszug: publiziertes Sachbuch
KREATIVES MARKETING FÜR KÜNSTELR 





 

 







Lesung aus
Schrittweiß





 

Seine Begleiterin daneben. Nach einigen Stationen stiegen vier Personen in denselben Waggon ein. Augenscheinlich eine junge Familie - die Gesichter der Kinder ähnelten denen der Erwachsenen. Die Eltern waren etwa dreißig Jahre alt. Die Kinder, geschätzt, vier und sechs. Auffallend war die Fröhlichkeit der vier. Die Mutter hatte ein strahlendweißes Gebiss. Auch der Vater sah insgesamt gepflegt aus. Mondholz konnte aus dieser Distanz der Unterhaltung bruchstückhaft folgen. Gesicht zu Gesicht. Der Mann sprach fließend Spanisch. Die Frau fließend Englisch. Die Familie hatte sich gegen die Fahrtrichtung an die Stirnwand des Waggons gesetzt. Der Sohn ganz links ans Fenster, sein Vater Nähe Mittelgang; direkt neben ihn. Vom Mittel-gang aus rechts, die Mutter, am Fenster saß ihre Tochter. Der Wahlfrankfurter hätte gerne von dieser Szenerie ein Schwarz-Weiß-Foto gemacht. Und zwar in dem Moment, als der Schaffner die Fahrkarten an den Vaterübergab. Denn dieser musste nachlösen. Der Kontrolleur stand mit dem Rücken zu Mondholz. Beide Elternteile schauten den Bahnmitarbeiter im Moment der Kartenübergabe an, und die Kinder auch. Mit der Stirnwand im Hintergrund und dem Schaffner im Vordergrundhätte es eine Rahmung gegeben. Dazu die Interaktion der Familie, die eine gewisse Spannung und Dynamik ins Foto gebracht hätte. Norbert Mondholz traute sich nicht zu fragen. Denn das hätte gestört und den spirituellen Moment unwiederbringlich vernichtet. Später, als der Schaffner gegangen war, hätte es erneut fotografisch eine gute Bild-Komposition gegeben: die Familienmitglieder schauten gleichzeitig aus den Fenstern. Die Damen nach rechts, die Herren nach links. Dazwischen die geschlossene Waggontür. In Sóller fotografierte er eine eingleisige Bahnstrecke. Die Verbindung von Sóller nach Port de Sóller. Eindrücke. Erneut die beigefarbenen Bistrostühle, die er bereits in Pollenca sah und nicht fotografieren konnte. Jetzt wurde die Erinnerung daran wach. Am Busbahnhof fragten sie nach den Abfahrtzeiten, entschieden sich daraufhin spontan für den Bus um 16 Uhr. Nicht für die Bahn, denn dann hätten sie zum Bahnhof zurückkehren müssen. Das wollten sie nicht.

Copyright Christian Bedor Auszug: publizierte Erzählung SCHRITTWEIß 


 


Schrittweiß


Lesung aus
Bewegungsversuche







Rückblende 2005

Herr Karsten Sippelhagen, mittlerweile 51, wohnhaft in Frankfurt/Main, Diesterwegstraße 5 und seitmehreren Jahren bei der Deutsche Rentenversicherung Hessen tätig, stand am Fenster seines Wohnzimmers im 2. Stock und schaute hinaus. An einem Januar-Sonntag 2006. Um 10:12 Uhr. Das war ein ereignisreiches Jahr 2005. Versicherungstechnisch betrachtet, ging es ihm durch den Kopf, während auf dem Trottoir ein paar schlechtgekleidete Alt-Rentner mit Tragetaschen standen. 2005 begleiteten mich berufsbedingt der Tsunamiin Südostasien, die London-Terror-Attentate, der US-Hurrikan Katrina; zusammengerechnet kamen zig Tausende Menschen ums Leben, katalogisierte Sippelhagen. Der Sachsenhäuser hatte sich das Selbstgespräch angewöhnt, als bejahrter Single. Dann hörte er wenigstens direkt-live eine Stimme, wenn er allein war. Die Alt-Rentner auf dem Bürgersteig wühlten inzwischen in den grauen, städtischen Papierkörben, die an den Laternen hingen. Eine Kollektiv-Suche nachbrauchbaren Lebensmitteln. »Was ist aus Frankfurt geworden?«, stieß Sippelhagen aus, »Glasfassaden-Banken, ein supermodernes Cabriolet-Stadion  und aus City-Papierkörben kostenfreies Müll-Food für soziale Absteiger.« Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Selbst an öffentlichen, städtischen Abfallbehältern herrscht inzwischen Konkurrenzdruck. Sah Sippelhagen vor wenigen Jahren vereinzelt Menschen verstohlen darin buddeln, treten mittlerweile schamhaft Gruppen ins Straßen-Bild, die sich später die Beute teilen müssen. Die Unbrauchbaren der Pariser Vororte, die im Oktober 2005 damit begannen, auf brutale Weise auf sich aufmerksam zu machen, steckten unter anderem Müllcontainer in Brand. Der Schluss liegt nahe, dass auch Essbares verbrannte. Paris ist 570 Kilometer von Frankfurt entfernt. Aber dadurch, dass hauptsächlich  TV-Sender destruktive Nachrichten 24 Stunden lang um die Welt schießen, rückt Paris nach Frankfurt-Sachsenhausen. Als Vorort. Sippelhagen schaute auf seine Armbanduhr. 10:14Uhr. Wieder waren 120 Sekunden seines Lebens verstrichen. Er nahm ein totes Pflanzenblatt in die linke Hand, das auf der Fensterbank gelegen hatte.

Copyright Christian Bedor Auszug: publizierter Erzählband BEWEGUNGSVERSUCHE
(Co-Autor Michael Liebusch)



 
 
 
 
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